German Translation
Islamophobie
Warum werden muslimische und westliche Gesellschaften noch immer als gegensätzlich betrachtet, müssten doch jegliche Vorstellungen von Unvereinbarkeit durch eine Vielzahl an wissenschaftlichen Veröffentlichungen längst ausgeräumt sein? Erläuterungen von Jocelyne Cesari, der Direktorin des Programms “Islam im Westen” der Harvard Universität.
Während in wissenschaftlichen Arbeiten die These von der angeblichen Unvereinbarkeit des Islams mit dem Westen hinreichend widerlegt wurde, hat sich diese Auffassung im politischen Diskurs und in der Politikgestaltung nicht durchgesetzt.
Im Gegenteil: Die Überzeugung, dass der Islam mit dem Westen unvereinbar sei, hat sich in den letzten 15 Jahren sogar weiter intensiviert, da man den Islam nicht mehr nur als Feind wahrnimmt, der die liberalen westlichen Demokratien von außen bedroht, sondern auch von innen. Folglich betrachten viele Menschen in Europa und in den Vereinigten Staaten Muslime sowohl als innere als auch als externe Feinde.
Die anhaltende Dichotomie zwischen Islam und Westen ist nicht auf die Qualität der akademischen Arbeit zurückzuführen, sondern vielmehr darauf, dass die Erkenntnisse nur selten von politischen und kulturellen Akteuren aufgenommen werden – ganz zu schweigen von den Medien.
Dennoch besteht Hoffnung, wenn man die soziale und kulturelle Realität von Muslimen besser kennt, die der extrem wahrgenommenen Trennung widerspricht – nämlich dass Muslime im Westen die westlichen Werte und die zivile Integration befürworten. In diesem Zusammenhang könnten Bildungs- und Kulturmaßnahmen dazu beitragen, Bürger mit dieser Realität vertraut zu machen.
Mein Buch “Weshalb der Westen den Islam fürchtet: eine Untersuchung des Islam in liberalen westlichen Demokratien” analysiert Tendenzen und Stereotype in westlichen Staaten, den Islam als unzivilisiert und konservative Muslime als innere Bedrohung nationaler Werte und Identitäten sowie als äußere Bedrohung für die westlichen Zivilisationen zu betrachten.
Verblüffenderweise sind solche Verhaltensweisen seitens der Muslime in europäischen Ländern oder in den Vereinigten Staaten, die diese Angst rechtfertigen, in keiner empirischen Untersuchung belegbar.
Tatsächlich unterscheiden sich politische Handlungen von Muslimen nicht von denen anderer Bürger. Meine Untersuchung zeigt auf, dass Muslime in Europa und in den Vereinigten Staaten sogar stärker an die nationalen Institutionen und die Demokratie glauben als ihre Mitbürger, und dass der Moscheebesuch in Wirklichkeit die soziale und politische Integration erleichtert.
Dennoch entsteht das Bild von Muslimen als innere Feinde der liberalen Demokratien in einer vorgefertigten, durch den Einfluss der Geschichte geprägten Umgebung, wobei das Bild des Feindes im Inneren zu dem bereits bestehenden Bild des Feindes von außen hinzukommt. In den Vereinigten Staaten nahm die Wahrnehmung des Islam als Bedrohung von außen ihren Anfang mit dem Teheraner Geiseldrama von 1979 bis 1981.
Seit dem Mittelalter wurden Muslime vom Westen als “die Anderen” betrachtet. Mit der selbst gewählten Definition des Westens, die auf den Konzepten des Fortschritts, der Nation, des rationalen Individuums und Säkularisierung aufbauten, grenzte sich der Westen von den muslimischen Imperien ab. Erst die Beziehung Europas zum Osmanischen Reich stellte schrittweise die Verbindung zwischen Ost und West her, was einen entscheidenden Einfluss auf die Weltpolitik des 19.Jahrhunderts hatte.
Viele Muslime der Nachkriegsgeneration haben einen Migrationshintergrund und machen derzeit etwa fünf Prozent der 425 Millionen der in der Europäischen Union lebenden Menschen aus. Mehrere Generationen von Immigranten kamen mit sehr wenigen Arbeitsfertigkeiten, im Unterschied zu den meisten Muslimen in den Vereinigten Staaten, die generell über ein hohes Bildungsniveau und marktfähige Kompetenzen verfügen.
Das niedrige Bildungsniveau und die geringen Jobmöglichkeiten erklären die niedrige wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Muslimen in Europa. Zudem lebt die muslimische Bevölkerungsschicht in Europa häufig in abgetrennten städtischen Gebieten, die durch eine hohe Kriminalitätsrate und schlechte Lebensbedingungen geprägt sind.
Auf der anderen Seite des Atlantiks besteht die Notwendigkeit, eine neue nationale Geschichte zu schreiben, um die Muslime und den Islam als Teil des Gedächtnisses und der Kultur der nationalen Gemeinschaften, der sie angehören, einzubeziehen.
Dies wird voraussichtlich erst dann geschehen können, wenn der Islam von Parteiinteressen losgelöst ist und zu einer nationalen Angelegenheit für politische, soziale und religiöse Akteure aus dem gesamten ideologischen Spektrum wird.
Die Bemühungen in den Bereichen der Bildung und der Politik innerhalb der letzten 50 Jahre, die Integration der US-Amerikaner afrikanischen Ursprungs in die nationale Geschichte der Vereinigten Staaten, sind ein gutes Beispiel für eine solche kollektive Bemühung.
Hinsichtlich der Zukunft des Islams wird die Zusammenarbeit religiöser Akteure aller Glaubensrichtungen erforderlich sein, da diese eine besondere Rolle für den Dialog zwischen dem Islam und anderen monotheistischen Religionen übernehmen können.
Jocelyne Cesari
© Common Ground News Service 2013
Übersetzt aus dem Englischen von Julie Schwannecke
Redaktion: Lewis Gropp & Arian Fariborz/ Qantara.de
Dr Jocelyne Cesari ist Direktorin des Programms “Islam in the West” der Harvard Universität und Senior Research Fellow am Berkley Centre for Religion, Peace and World Affairs der Georgetown University.
Original im Deutschen hier
English Original
Islamophobia
Evidence Does Not Support Fears of Islam in the West
While scholarly work has debunked the idea of incompatibility of Islam with Western values, it has not really changed this dominant perception pervading political discourse and policy making. This notion of incompatibility between Islam and the West has actually intensified in the last 15 years, as the perception of Islam as the external enemy has combined with the fear of Islam within liberal Western democracies. The consequence is that Muslims are now seen by many as an internal and external enemy both in Europe and in the United States.
The persistence of the Islam versus West dichotomy has nothing to do with the quality of academic work, but rather the fact that this work is seldom utilised by political and cultural actors, not to mention media.
Understanding the social and cultural reality of Muslims
Yet hope may lie in better understanding the social and cultural reality of Muslims that starkly contradicts the perceived divide – namely that Muslims in the West are supportive of Western values and civic integration. In this regard, efforts could be made to familiarise citizens with this reality through different educational and cultural means.
My book Why the West Fears Islam: Exploration of Islam in Western Liberal Democracies (June 2013 by Palgrave McMillan) indicates a persistent predisposition in the West to link Islam to un-civic behaviour and to see assertive Muslims as internal enemies threatening national values and identities as well as external enemies at war with Western civilisation.
Intriguingly, there is no empirical evidence based on behaviours of Muslims in European countries or the United States that supports this fear. Actually, Muslim political practices are not different from their average fellow citizens. My investigation shows that in Europe and in the United States, Muslims express a greater trust in national institutions and democracy than their fellow citizens and that mosque attendance actually facilitates social and political integration.
Still, the construction of Muslims as the enemy within liberal democracies takes place in a pre-existing environment influenced by history, adding the dimension of an internal enemy to the enduring feature of the external enemy.
Western concepts of progress and nation
Muslims have been seen as „others“ to the West since medieval times. More specifically, Western self-definition based on the concepts of progress, nation, rational individual and secularisation was built in opposition to Muslim empires. Europe’s relationship with the Ottoman Empire gradually established the East-West binary that had a decisive impact on world politics since the 19th Century.
In the United States, during the 20th and 21st Centuries, the perception of Islam as the external enemy traces back to the Iranian Hostage Crisis (1979 to 1981) and became more acute after 9/11 when Muslims came to be seen as internal enemies due to the fear of home-grown terrorism.
Many Muslims in post-WWII Europe have an immigrant background, and are currently estimated to constitute approximately five per cent of the European Union’s 425 million inhabitants. As immigrants, generations came with very low labour skills, unlike most Muslims in the United States who generally possess a high level of education and marketable skills.
Low levels of education and few job opportunities explain poor economic performance of Muslims in Europe. Muslim immigrant populations across Europe are often concentrated in segregated, urban areas, which are plagued by delinquency, crime and deteriorated living conditions.
There is a need across the Atlantic to rebuild national narratives to include Muslims and Islam as part of the memory and culture of the national communities they belong to.
This can likely be done if Islam is disconnected from partisan interests and becomes a national cause for political, social and religious actors across the ideological spectrum.
The educational and political efforts of the last five decades to include African Americans into the US national narrative are a good illustration of such a collective effort. In the case of Islam, it will require a coalition among religious actors from all faiths who can play a decisive role in promoting similarities between Islam and other monotheistic religions.
This is a noble political task for the decades to come.
Jocelyne Cesari
© Common Ground News Service 2013
Qantara.de editor: Lewis Gropp
Dr Jocelyne Cesari is Director of the Islam in the West program at Harvard University and a Senior Research Fellow at the Berkley Centre for Religion, Peace and World Affairs at Georgetown University.
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