{"id":196,"date":"2016-01-04T00:48:58","date_gmt":"2016-01-03T23:48:58","guid":{"rendered":"http:\/\/culturetranslations.de\/en\/?p=196"},"modified":"2016-01-04T00:48:58","modified_gmt":"2016-01-03T23:48:58","slug":"dialog-auf-augenhohe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.culturetranslations.de\/en\/dialog-auf-augenhohe\/","title":{"rendered":"Dialog auf Augenh\u00f6he"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section admin_label=&#8221;section&#8221;][et_pb_row admin_label=&#8221;row&#8221;][et_pb_column type=&#8221;4_4&#8243;][et_pb_text admin_label=&#8221;Text&#8221; background_layout=&#8221;light&#8221; text_orientation=&#8221;left&#8221; text_font_size=&#8221;14&#8243; use_border_color=&#8221;off&#8221; border_color=&#8221;#ffffff&#8221; border_style=&#8221;solid&#8221;]<\/p>\n<div class=\"entry-content\">\n<h5><strong><span class=\"Apple-style-span\">\u201cNemashim\u201d \u2013 ein arabisch-hebr\u00e4isches Theaterprojekt<\/span><\/strong><\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"field field-name-body-summary field-type-ds field-label-hidden\">\n<div class=\"field-items\">\n<div class=\"field-item even\"><em>Der israelische Regisseur und Theaterp\u00e4dagoge Uri Shani beleuchtet in seinem Buch \u201cNemashim\u201d die H\u00f6hen und Tiefen des gleichnamigen interkulturellen Theater- und Kommuneprojekts aus Israel. Julie Schwannecke hat das Buch gelesen.<\/em><\/div>\n<div class=\"field-item even\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"content-body clearfix\">\n<p>\u201cNemashim\u201d ist ein 2002 initiiertes hebr\u00e4isch-arabisches Theater- und Kommuneprojekt aus Israel, das bis zu sechs jungen Arabern und Hebr\u00e4ern die Gelegenheit gibt, ein Jahr lang miteinander in einer Kommune zu leben und Theater zu machen. In den Workshops, auf der B\u00fchne und innerhalb der Kommune lernen die Jugendlichen, sich mit den Vorurteilen und Stereotypen ihrer Gesellschaften auseinanderzusetzen und auf der B\u00fchne zu thematisieren.<\/p>\n<p>Die Idee zu dem ambitionierten Projekt entstand vor dem Hintergrund des sich versch\u00e4rfenden israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikts und des zunehmenden Rassismus auf beiden Seiten. Mit Hilfe des Theaterspiels wollte Uri Shani, Gr\u00fcnder des Projekts und langj\u00e4hriger Theaterregisseur sowie Theaterp\u00e4dagoge, eine andere Lebensrealit\u00e4t aufzeigen: Sein Ziel war es, arabische und j\u00fcdische Jugendliche zusammenzubringen, da sie aufgrund der unterschiedlichen Bildungssysteme in Israel und Pal\u00e4stina in der Regel keine M\u00f6glichkeit haben, sich wirklich gegenseitig kennenzulernen und auszutauschen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem wollte der Autor verschiedenen kulturellen Identit\u00e4ten auf den Grund gehen, um zu erfahren, ob ein Dialog zwischen jungen Israelis und Pal\u00e4stinensern \u00fcberhaupt m\u00f6glich erscheint \u2013 und unter welchen Voraussetzungen eine interkulturelle Zusammenarbeit gelingen kann. In diesem Zusammenhang verwendet Uri Shani bewusst die Bezeichnung \u201cAraber\u201d und \u201cHebr\u00e4er\u201d, und nicht etwa \u201cPal\u00e4stinenser\u201d und \u201cJuden\u201d, da er damit zum Ausdruck bringen m\u00f6chte, dass dabei keine religi\u00f6se Identifikation der beiden Gruppen im Mittelpunkt steht.<\/p>\n<p>Das Projekt st\u00fctzt sich gleichzeitig auf die israelische Tradition, dass junge Leute nach ihrem Abitur etwas f\u00fcr ihre Gesellschaft tun, z.B. in Form von Gemeinde- oder Sozialarbeit. Der arabische Teil der israelischen Bev\u00f6lkerung kennt diese Praxis nicht, im Vordergrund steht zumeist, dass die Jugendlichen so schnell wie m\u00f6glich die Universit\u00e4ten besuchten oder f\u00fcr die eigene Familie Geld verdienten. Aus diesem Grund sei es auch immer wieder schwierig gewesen, junge arabische Teilnehmer f\u00fcr \u201cNemashim\u201d zu gewinnen, erkl\u00e4rt Shani.<\/p>\n<p><strong>Mit Theaterarbeit die Gesellschaft ver\u00e4ndern<\/strong><\/p>\n<div class=\"media media-element-container media-large image-left\">\n<div class=\"field field-name-field-file-image-caption-text field-type-text field-label-hidden\">\n<div class=\"field-items\">\n<div class=\"field-item even\">Frieden und Verst\u00e4ndigung durch Eigeninitiative: Uri Shani glaubt, dass wirkliche Ver\u00e4nderungen und Konfliktl\u00f6sungen nicht von israelischen und pal\u00e4stinensischen Staatsoberh\u00e4uptern erzielt werden k\u00f6nnen, sondern durch eine aktive Zivilgesellschaft.<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Der Autor ist der Ansicht, dass es durchaus m\u00f6glich ist, mit Hilfe des Theaters gesellschaftliche und politische Missst\u00e4nde zu enth\u00fcllen, gemeinsam zu diskutieren, und zusammen die Gesellschaft zu ver\u00e4ndern. Theater hat daher in seinen Augen nicht nur eine kommunikative Funktion, sondern auch eine soziale und gesellschaftliche: das Kultivieren von Kommunikation. Schon allein dadurch k\u00f6nne sich das B\u00fchnenspiel positiv auf Konfliktsituationen auswirken. Vor allem erf\u00fclle Theater die gesellschaftliche Aufgabe, das Publikum zum Denken und Austauschen zu animieren, und um Fragen zu stellen \u2013 und nicht um Antworten zu geben.<\/p>\n<p>Seit mehr als zehn Jahren praktiziert er zusammen mit Jugendlichen das \u201cTheater der Unterdr\u00fcckten\u201d, eine vom brasilianischen Theaterautor Augusto Boal ins Leben gerufene Theaterform, die durch die spielerische, \u00e4sthetische und theatralische Begegnung von Menschen eine L\u00f6sung sozialer Probleme und Ver\u00e4nderungen auf politischer Ebene erwirken m\u00f6chte. Dies wird dadurch erreicht, indem der Zuschauer in die Theaterhandlung eingebunden wird, so dass die Trennung zwischen B\u00fchne und Publikum aufgehoben wird.<\/p>\n<p>Das \u201cTheater der Unterdr\u00fcckten\u201d will aus dem passiven einen aktiven Zuschauer machen, der seine eigene Meinung einbringt und den Fortgang des Theaterst\u00fccks mitbestimmt. Es will den Teilnehmer dazu animieren, die Unterdr\u00fcckungsspielregeln der Gesellschaft sowie eigene Verhaltensweisen in Frage zu stellen, um sich aus vorgegebenen Rollen und Alltagszw\u00e4ngen zu befreien. Wenn ihm das im Theater gelinge, so sei er auch imstande, sich in allt\u00e4glichen Situationen entsprechend couragiert zu verhalten, meint Uri Shani.<\/p>\n<p>Manchmal geht es in den B\u00fchnenst\u00fccken um einen muslimischen Vater, der nicht m\u00f6chte, dass seine Tochter ihren Freund, einen Christen heiratet, oder um ein j\u00fcdisches Paar, das ohne religi\u00f6se Zeremonie heiraten will. Oder aber es geht um die Vertreibung pal\u00e4stinensischer Familien aus ihren H\u00e4usern, die mit jungen israelischen Familien neu bezogen werden.<\/p>\n<p>Neben allt\u00e4glichen Konfliktsituationen bringen die Jugendlichen bisher noch ungel\u00f6ste und tabuisierte Fragen auf die B\u00fchne, wie etwa: Wieso sprechen viele Juden auch nach 50 Jahren Koexistenz noch kein Arabisch?<\/p>\n<p>Uri Shani glaubt, dass wirkliche gesellschaftliche und politische Ver\u00e4nderungen sowie Konfliktl\u00f6sungen nicht von israelischen und pal\u00e4stinensischen Staatsoberh\u00e4uptern erzielt werden k\u00f6nnen, sondern dass es dazu einer aktiven Zivilgesellschaft bedarf.<\/p>\n<p>Als er sein ehrgeiziges Projekt im Jahr 2002 startete nahmen ihn viele Bekannte nicht f\u00fcr voll. Damals war ihm klar, dass es f\u00fcr sein Vorhaben vielleicht noch etwas zu fr\u00fch war. Heute aber seien die Menschen reifer, insbesondere sei die arabische Jugend nun eher daran interessiert, etwas Positives f\u00fcr ihre Gesellschaft zu leisten als noch vor 20 Jahren. Das sei ja besonders durch die Ereignisse des Arabischen Fr\u00fchlings sehr deutlich geworden, so Shani.<\/p>\n<p><strong>Kulturelle Unterschiede unerheblich<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr eine funktionierende interkulturelle Theaterarbeit bedarf es f\u00fcr Shani neben einer guten Vorbereitung der Teilnehmer vor allem der Bereitschaft, an sich selbst und miteinander zu arbeiten. Besonders das B\u00fchnenspiel setze voraus, dass man sich immer wieder selbst \u00fcberpr\u00fcfe, wie man auf bestimmte Situation reagiert.<\/p>\n<p>Denn im Grunde genommen, meint Shani, seien die kulturellen Unterschiede v\u00f6llig unerheblich, sowohl in der Theaterarbeit als auch im wirklichen Leben. Meist seien es die Reaktionen auf diese Unterschiede, die Probleme hervorriefen \u2013 also die Tatsache, dass man den Anderen aufgrund seiner Unterschiede bewusst oder auch unbewusst auf- oder abwerte. Dabei handle es sich um eine durch die Gesellschaft anerzogene Reaktion, die auch bei den Jugendlichen zu unterschwelligem Rassismus f\u00fchre.<\/p>\n<p>Amina Nolte, eine deutsche Teilnehmerin, \u00e4u\u00dfert sich dazu in einem eigenen Kapitel: \u201cWeniger waren es die Dinge, \u00fcber die wir stritten, als tats\u00e4chlich die Art, wie wir dies taten, weil dies ja unglaublich von der Kultur gepr\u00e4gt ist, aus der wir kommen\u201d. Die Theaterarbeit und auch die vielen Gespr\u00e4che halfen jedoch dabei, die kulturell und sprachlich bedingten Missverst\u00e4ndnisse aus dem Weg zu r\u00e4umen. Amina beschreibt den in ihrem Projektjahr gemachten Lernprozess folgenderma\u00dfen: \u201cMan kann lernen ein Miteinander zu finden, ohne dass man die eigene Meinung aufgeben muss, sie aber dennoch einem Kompromiss ann\u00e4hern kann\u201d.<\/p>\n<p><strong>Kooperation zwischen Privilegierten und Unterprivilegierten<\/strong><\/p>\n<p>Shani befasst sich in seinem Buch nicht nur mit den positiven Seiten der interkulturellen Zusammenarbeit, sondern weist auch deutlich auf m\u00f6gliche Gefahren hin. Wenn die Arbeit nicht richtig angegangen wird, k\u00f6nne dies auch die Positionen verh\u00e4rten und die Unterdr\u00fcckung vergr\u00f6\u00dfern. Dies musste er in seinem eigenen Projekt miterleben, denn seit 2008 ist \u201cNemashim\u201d auf Eisgelegt. Vor allem seien es Uneinigkeiten \u00fcber grunds\u00e4tzliche Fragen und die fehlende Zusammenarbeit zwischen den Partnern und Vorgesetzten, die zu den Konflikten und zum vorzeitigen Ende gef\u00fchrt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>\u201cIm Projekt ging es ja in erster Linie um die Zusammenarbeit zwischen Ungleichen, zwischen Privilegierten und Unterprivilegierten\u201d, erl\u00e4utert Shani. Unterprivilegiert bedeute hier nicht etwa \u201cminderwertig\u201d, sondern dass die Araber nicht dieselben Rechte wie die Hebr\u00e4er genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Wenn man die Zusammenarbeit zwischen Gleichen und Ungleichen anstrebe, k\u00f6nne man folglich nicht einfach so tun, als seien alle gleich. Man m\u00fcsse die Unterprivilegierten, also in diesem Fall die Araber, in allen Bereichen und in jeder Form bevorzugen, damit wieder ein Gleichgewicht hergestellt w\u00fcrde und sie das Gef\u00fchl bek\u00e4men, dass sie dieselben M\u00f6glichkeiten haben.<\/p>\n<p>Dies h\u00e4tten seine Partner und Vorgesetzten nicht so gesehen, also habe dies unweigerlich zu einem Konflikt zwischen ihnen gef\u00fchrt, der sich auch nicht mehr beheben lie\u00df. \u201cErst wenn wir bereit sind, unser \u2018Unmenschsein\u2019 hinter uns zu lassen und uns gegen\u00fcber dem Anderen zu \u00f6ffnen und ihm auf Augenh\u00f6he begegnen, ist eine wirkliche Zusammenarbeit m\u00f6glich, die zur gegenseitigen Bereicherung f\u00fchrt\u201d, meint Shani abschlie\u00dfend.<\/p>\n<p><em>Julie Schwannecke<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a9 <span class=\"skimlinks-unlinked\">Qantara.de<\/span> 2014<\/em><\/p>\n<p><em>Redaktion: Arian Fariborz\/<span class=\"skimlinks-unlinked\">Qantara.de<\/span><\/em><\/p>\n<p><em>Uri Shani: \u201cNemashim: Ein arabisch-hebr\u00e4isches Theaterprojekt\u201d, mit einem Beitrag von Amina Nolte, AphorismA-Verlag<\/em><em>,<\/em><em>\u00a0Berlin 2011, 164 Seiten<\/em><\/p>\n<p><em>Read the Original <a href=\"http:\/\/de.qantara.de\/inhalt\/nemashim-ein-arabisch-hebraeisches-theaterprojekt-dialog-auf-augenhoehe\">here<\/a>.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cNemashim\u201d \u2013 ein arabisch-hebr\u00e4isches Theaterprojekt &nbsp; Der israelische Regisseur und Theaterp\u00e4dagoge Uri Shani beleuchtet in seinem Buch \u201cNemashim\u201d die H\u00f6hen und Tiefen des gleichnamigen interkulturellen Theater- und Kommuneprojekts aus Israel. Julie Schwannecke hat das Buch gelesen. \u201cNemashim\u201d ist ein 2002 initiiertes hebr\u00e4isch-arabisches Theater- und Kommuneprojekt aus Israel, das bis zu sechs jungen Arabern und Hebr\u00e4ern [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[94],"tags":[87,21,91,92],"class_list":["post-196","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-german-texts","tag-interreligious-dialogue","tag-israel","tag-palestine","tag-theatre"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.culturetranslations.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/196","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.culturetranslations.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.culturetranslations.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.culturetranslations.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.culturetranslations.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=196"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.culturetranslations.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/196\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.culturetranslations.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=196"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.culturetranslations.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=196"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.culturetranslations.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=196"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}