{"id":189,"date":"2016-01-04T00:37:10","date_gmt":"2016-01-03T23:37:10","guid":{"rendered":"http:\/\/culturetranslations.de\/en\/?p=189"},"modified":"2016-01-04T00:37:10","modified_gmt":"2016-01-03T23:37:10","slug":"im-interkulturellen-dialog-an-den-grenzen-des-lebens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.culturetranslations.de\/en\/im-interkulturellen-dialog-an-den-grenzen-des-lebens\/","title":{"rendered":"Im interkulturellen Dialog an den Grenzen des Lebens"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section admin_label=&#8221;section&#8221;][et_pb_row admin_label=&#8221;row&#8221;][et_pb_column type=&#8221;4_4&#8243;][et_pb_text admin_label=&#8221;Text&#8221; background_layout=&#8221;light&#8221; text_orientation=&#8221;left&#8221; text_font_size=&#8221;14&#8243; use_border_color=&#8221;off&#8221; border_color=&#8221;#ffffff&#8221; border_style=&#8221;solid&#8221;]<\/p>\n<h4>Interview mit dem Medizinethiker Ilhan Ilkilic<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der t\u00fcrkischst\u00e4mmige Arzt und Islamwissenschaftler Ilhan Ilkilic ist der erste Muslim im Deutschen Ethikrat. Der Medizinethiker begreift seine neue Aufgabe auch als Chance, den moralischen Einstellungen der muslimischen Bev\u00f6lkerung in Deutschland mehr Geh\u00f6r zu verschaffen. Mit ihm sprach Julie Schwannecke.<span id=\"more-39\"><\/span><\/p>\n<p><em>Sie wurden im April 2012 vom Bundepr\u00e4sidenten als erster Muslim in den Deutschen Ethikrat einberufen. Wie kam es dazu?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ilkilic:<\/strong> Ich wurde zun\u00e4chst gefragt, ob ich bereit w\u00e4re, diese Aufgabe zu \u00fcbernehmen. Au\u00dfer mir gab es noch weitere Kandidaten, aber am Ende wurde ich berufen. Ich gehe davon aus, dass meine wissenschaftlichen und auch kulturellen Kompetenzen ausschlaggebend f\u00fcr diese Entscheidung waren.<\/p>\n<p><em>Worin bestehen Ihre Aufgaben als Mitglied des Ethikrats?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ilkilic:<\/strong> Ich sehe meine Aufgaben darin, die Wertvorstellungen der hier in Deutschland lebenden Muslime in Bezug auf spezifische Themenbereiche (wie Beschneidung, k\u00fcnstliche Befruchtung, Schwangerschaftsabbruch) in die Diskussion einzubringen und zu konkretisieren.<br \/>\nDabei muss man nat\u00fcrlich beachten, dass die in Deutschland lebenden Muslime keine homogene Gruppe bilden. Insofern wird diese Heterogenit\u00e4t bei der Konkretisierung von verschiedenen Argumentationslagern ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p><em>K\u00f6nnen Sie uns einen konkreten Fall f\u00fcr eine muslimische Perspektive nennen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ilkilic: <\/strong>Ganz konkret hatten wir eine Debatte zum Thema \u201cBeschneidung\u201d. In den Diskussionen habe ich zum Beispiel nicht nur die religi\u00f6s-theologischen Gegebenheiten, Argumente oder Meinungen zum Thema dargestellt, sondern ebenso die unterschiedlichen Wahrnehmungsformen der in Deutschland lebenden Muslime.<br \/>\nVor allem wenn es um gesellschaftliche Diskussionen geht, denke ich, dass es nicht ausreicht, wenn man nur die theologischen Positionen problematisiert, sondern auch die Wahrnehmungs- und Verst\u00e4ndigungsformen der hierzulande lebenden Menschen zum Ausdruck bringt.<br \/>\n\u200b\u200b<br \/>\n<em>Was war aus Ihrer Sicht f\u00fcr die Muslime entscheidend in der Beschneidungsdebatte?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ilkilic:<\/strong> Entscheidend war, dass sich viele Muslime in der Aus\u00fcbung ihrer Religionspraxis begrenzt sehen; und es ist wichtig, solche soziologischen Aspekte in die Diskussion einzubeziehen.<br \/>\nWie kann man sich die Zusammenarbeit innerhalb des Ethikrates vorstellen? Streben alle Mitglieder von vornherein einen Konsens an?<\/p>\n<p><strong>Ilkilic: <\/strong> Ich kann mich kaum erinnern, dass im Ethikrat bei einer Frage je ein absoluter Konsens geherrscht hat. Wie Sie sicher wissen, sind in dem Rat Menschen mit unterschiedlichen Fachrichtungen, politischen Positionen und Religionszugeh\u00f6rigkeiten vertreten. Insofern ist es immer schwierig, einen Konsens zu erreichen.<br \/>\nDennoch ist der gegenseitige Austausch von Argumenten und Positionen selbstverst\u00e4ndlich m\u00f6glich. Und manchmal gelingt es \u2013 wie etwa in der Beschneidungsdebatte -, einen Kompromiss zu schlie\u00dfen. Wenn dies nicht gelingt, gibt es ein Sondervotum, das jenen Personen, die sich in der Minderheitsposition befinden, erlaubt, ihre Sichtweise zum Ausdruck zu bringen.<\/p>\n<p><em>Welchen polarisierenden Effekt hatte Ihrer Meinung nach die Beschneidungsdebatte in Deutschland?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ilkilic:<\/strong> Zun\u00e4chst war f\u00fcr mich interessant festzustellen, dass sowohl in unserer internen als auch in der gesellschaftlichen Debatte, aneinander vorbeidiskutiert wurde. Pl\u00f6tzlich bildeten sich zwei extreme Positionen heraus: auf der einen Seite diejenigen, die die anderen als \u201cNazis\u201d beschimpften und auf der anderen Seite diejenigen, die Muslime als \u201cnicht aufgekl\u00e4rte Barbaren\u201d hinstellten.<br \/>\nIch lehne beide extremen Positionen ab und bin der Meinung, dass sie der Diskussion nicht dienen, weil die weder sachlich noch inhaltlich begr\u00fcndet sind.<br \/>\n\u200b\u200b<br \/>\nIch glaube schon, dass wir zum Thema Beschneidung eine angemessene Diskussion innerhalb des Ethikrats gef\u00fchrt haben. Ich kann beide Positionen und deren Argumentationsweisen gut verstehen. Das hei\u00dft, ich kann nachvollziehen, dass im juristischen Sinne Knabenbeschneidung als eine Verletzung der k\u00f6rperlichen Integrit\u00e4t verstanden wird, weil daf\u00fcr weder eine medizinische Indikation existiert noch eine Einwilligung einer erwachsenen Person vorliegt.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite sehen die Muslime diese Religionspraxis als Teil ihrer Identit\u00e4t an, und ein Verbot wird meist als Einengung ihrer religi\u00f6sen Freiheit empfunden. Damit ein Konsens m\u00f6glich ist, ist es in der Debatte deshalb wichtig, dass die verschiedenen Positionen von einer gewissen gegenseitigen Offenheit zeugen; und insofern habe ich dann versucht, in dieser Debatte zu vermitteln.<\/p>\n<p><em>Welche eigene Position beziehen Sie in der Beschneidungsdebatte aus?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ilkilic: <\/strong> Meiner Auffassung nach hat Religionsfreiheit ein h\u00f6heres Gewicht als die Verletzung der k\u00f6rperlichen Integrit\u00e4t, weil durch den Eingriff keine Funktionsst\u00f6rung des Organs entsteht, wenn dieser sach- und fachgerecht durchgef\u00fchrt wird. Au\u00dferdem ist der Druck f\u00fcr die Muslime bei einem Verbot sehr gro\u00df, da Beschneidung f\u00fcr sie ein wichtiges Ritual darstellt.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite habe ich argumentiert, dass die Muslime diese Problematik untereinander, ohne Druck von au\u00dfen diskutieren und sich damit auseinandersetzen sollen. Aber wenn von vornherein diese Druck- und Verbotshaltung herrscht, dann ist es selbstverst\u00e4ndlich, dass man auch eine kontr\u00e4re Position bezieht.<\/p>\n<p><em>Wenn wir auf den islamischen Raum blicken, gibt es dort denn \u00e4hnliche Institutionen, die sich mit den Fragen der Bioethik besch\u00e4ftigen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Iilkilic:<\/strong> Es gibt verschiedene Institutionen in der islamischen Welt, z.B. in Saudi-Arabien, die Fatwas zu bestimmten ethischen Problematiken aussprechen. In der T\u00fcrkei gibt es das Institut f\u00fcr religi\u00f6se Angelegenheiten in Ankara, das auf Anfrage Fatwas zu bestimmten Themen wie zur Organtransplantation oder zum Schwangerschaftsabbruch ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>\u200b\u200bDie Frage ist jedoch, inwieweit diese Fatwas f\u00fcr die Muslime relevant sind. Denn zu einer bestimmten Frage gibt es in der islamischen Welt unterschiedliche Antworten. Au\u00dferdem kann eine Fatwa nicht als einzige von Gott gewollte Entscheidung verstanden werden. Der betroffene Muslim muss sich mit dieser Entscheidung auseinandersetzen und dann eine eigene Gewissensentscheidung treffen.<\/p>\n<p>Ich pl\u00e4diere in solchen Situationen deshalb nicht nur f\u00fcr eine medizinische, sondern auch f\u00fcr eine theologische Aufkl\u00e4rung des Patienten. So gibt es beispielsweise w\u00e4hrend des Fastenmonats Ramadan Situationen, wo bestimmte Medikamente nicht eingenommen werden.<br \/>\nEs gibt genug muslimische Patienten, die nicht wissen, dass sie nicht fasten brauchen, wenn dies ihre Gesundheit beeintr\u00e4chtigt. Wenn man das nicht wei\u00df, dann praktiziert man auch die eigene Religion anders.<\/p>\n<p><em>Gab es in Ihrem beruflichen Alltag als Arzt bereits Situationen, in denen sich ein Patient von seinen religi\u00f6sen Pflichten \u00fcberfordert gef\u00fchlt hat? Was haben Sie in einem solchen Fall getan?<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><strong>Ilkilic:<\/strong> Ja, bei uns in Mainz hatten wir einen solchen Fall: Es ging um Palliative Sedierung auf der Palliativstation (Es handelt sich hierbei um die Einnahme stark beruhigender Medikamente bei todkranken Patienten\/Anmerkung der Redaktion). Dem Patienten war nicht klar, welche Stellung seine Religion zu dieser medizinische Ma\u00dfnahmeeinnimmt. Daher wollte er dar\u00fcber mit einem Imam sprechen. Wir organisierten diesen Imam und nach dieser medizinischen und theologischen Unterrichtung traf der Patient dann seine individuelle Entscheidung.<\/p>\n<p>Als Medizinethiker vertrete ich die Meinung, dass dieser Wunsch nach einem Gespr\u00e4ch mit einem Imam immer vom Patienten oder seinen Angeh\u00f6rigen selbst kommen muss. F\u00fcr mich ist es sicherlich die falsche Strategie, wenn man von au\u00dfen kommt, nach dem Motto: \u201cDu bist Muslim und mit dieser Situation theologisch \u00fcberfordert. Deshalb bestellen wir sofort einen Imam!\u201d<\/p>\n<p><em>Existiert in Deutschland eine seelsorgerische Versorgung f\u00fcr die hier lebenden Muslime?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ilkilic:<\/strong> Eine professionelle seelsorgerische T\u00e4tigkeit f\u00fcr Muslime in fl\u00e4chendeckender Form gibt es in Deutschland derzeit noch nicht. Hier und da gibt es bereits einige Projekte an medizinischen Fakult\u00e4ten der Universit\u00e4ten, wo ehrenamtliche Mitarbeiter in bestimmten Kursen ausgebildet werden k\u00f6nnen, was jedoch nicht mit der professionellen Ausbildung f\u00fcr Krankenseelsorge im Christentum vergleichbar ist. Wir stellen in der Praxis fest, dass die Nachfrage danach gro\u00df ist, aber leider reichen derzeit Infrastruktur und entsprechende Projekte noch nicht aus, um den Bedarf wirklich zu decken.<\/p>\n<p><em>Interview: Julie Schwannecke<\/em><\/p>\n<p>Ilhan Ilkilic ist t\u00fcrkischst\u00e4mmiger Arzt und Islamwissenschaftler, Mitglied im Deutschen Ethikrat und seit Dezember 2012 an der Medizinischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Istanbul t\u00e4tig.<\/p>\n<p>\u00a9 <span class=\"skimlinks-unlinked\">Qantara.de<\/span> 2013<\/p>\n<p><em>Please find the <a href=\"http:\/\/de.qantara.de\/content\/interview-mit-dem-medizinethiker-ilhan-ilkilic-im-interkulturellen-dialog-den-grenzen-des\">grman original article here<\/a> and an english and arabic version <a href=\"http:\/\/en.qantara.de\/content\/interview-medical-ethicist-ilhan-ilkilic-inter-religious-dialogue-matters-health\">here<\/a><\/em><\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit dem Medizinethiker Ilhan Ilkilic &nbsp; Der t\u00fcrkischst\u00e4mmige Arzt und Islamwissenschaftler Ilhan Ilkilic ist der erste Muslim im Deutschen Ethikrat. 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